Fachmethoden Deutsch 1

Gedichte analysieren

Analysieren Sie ein beliebiges Gedicht. Prüfen Sie zunächst. möglichst anhand einer kritischen Ausgabe, wie zuverlässig Ihr Text ist. Klären Sie besonders bei einem älteren Gedicht unverständliche oder mißverständliche Sachverhalte und Wörter. Erst nach diesen Vorklärungen erscheint die eigentliche Analyse angebracht. Bei ihr sollten sich textimmanente und historische Untersuchung wechselseitig ergänzen. 

Achten Sie im Text auf den Sinngehalt (1 - 6), kommunikative und gegenständliche Elemente des Inhalts (7 - 11), die Bauform (12 - 15) und die Sprache (16 -19). Achten Sie im einzelnen auf

1.   den Zweck des Gedichtes bzw. seine Flauptaussage (seinen Grundgedanken. seine Idee) und deren Verhältnis zu Untergeordnetem,

2.   gedankliche (argumentative oder reflektierende) Textteile (mit generellen Aussagen und logisch-kausalen Konjunktionen) und ihren Stellenwert (beherrschend oder als Argument oder Kommentar dienend?),

3.   Wertbegriffe und -aussagen,

4.   die affektive Einstellung des lyrischen Ich (Sprechhaltung, Ton, Atmosphäre, Stimmung) und ihre gegenständ- lichen und sprachlichen Entsprechungen (Stilebene),

5.   sonstige zu assoziierende Nebenbedeutungen (Konnotationen) der Sachen bzw. Wörter,

6.   die möglicherweise symbolische Bedeutung der vorkommenden Dinge und Formen,

7.   Art und Darstellung der Sprechsituation (räumliche, zeitliche, personale Deixis; Anrede real oder geistig anwesend zu denkender Personen oder Personifikationen; Fiktionalität der Sprechsituation bzw. ihrer Gegenwärtigkeit; Verhältnis zu bloß erzählten Situationen und Begebenheiten),

8.   die Gestaltung wiedergebender (narrativer) Textteile, bes. auf das Verhältnis von Zustands- wiedergabe (Beschrei bung) und Vorgangswiedergabe, das Verhältnis iterativ-durativer und punktueller Wiedergabe und auf vorübergehende Vergegenwärtigung (Veranschaulichung) von sonst Abwesendem durch Deixis (bes. Präsens historicum), Detaillierung und affektive Gewichtung,

9.   die Personenrollen (lyrisches Ich, Adressat, anwesend oder abwesend zu denkende dritte Personen, personifizierte Dinge oder Abstrakta),

10. Art und Funktion der vorkommenden Dinge (Gebrauchswert oder symbolische Funktion?),

11. die Art (bes. die Genauigkeit) der Orts- und Zeitangaben und die Tempusgestaltung,

12. die Gliederung in Sinnabschnitte (Signale der jeweiligen Abschnitteröffnung bzw. des gedanklichen Wechsels, verschiedene Stärke der Einschnitte),

13. das Formprinzip (die Forrnprinzipien) des Textverlaufs (z. B. Steigerung. rahmenartige Geschlossenheit, Kontrast, Variation einer gleichbleibenden Grundaussage, dialektischer Wechsel zwischen zwei Positionen, Reihung von Argumenten zu einer These),

14. Querverbindungen zwischen nicht benachbarten Textstellen durch (eventuell leitmotivische) Wiederkehr von Wörtern oder Sachen,

15. das Verhältnis von Vers- und Sinnstruktur (Strophen- und Sinngrenzen, metrische und syntaktische Pausen, metrische und semantische Akzente),

16. Wortbddung (einfache. abgeleitete. zusammengesetzte Wörter) und Bedeutungsklassen der Wörter, bes. der Substantive, Adjektive und Verben. und die möglicherweise bevorzugte Verwendung einer der drei Wortarten,

17. semantische Redundanz (Mehrfachbezeichnung) bei Nachbarschaft mehrerer bedeutungs- verwandter (z. B. einen angenehmen Eindruck bezeichnender) Wörter,

18. die Verwendung der syntaktischen Formelemente, bes. auf Art und Anteil der Satzteile (Subjekt. Prädikat, Objekt. Umstandsbestimmung, Attribut), die Zahl der von einem gleichbleibenden Subjekt aktivistisch oder passivisch regierten Sätze, Art und Anteil von Konjunktionen und Nebensätzen,

19. die spezifisch poetischen bzw. rhetorischen Mittel wirkungsvoller. d. h. verfremdender oder kombinatorischer, Formulierung (auffallende Wortzusammensetzung und Wortstellung; Verwendung von Archaismen, Neologismen und seltenen Satzteilen. wie Partizip oder Genitiv; rhetorische Figuren, bes. Metaphern),

20. die funktionale Integration der verschiedenartigen Formelemente im Hinblick auf die sie verursachenden Form- prinzipien.
 

Achten Sie über den Text hinaus auf

21. die Entstehungs- und Textgeschichte (biographischer Anlaß, mehrere Fassungen?),

22. den Stellenwert des Gedichtes im Gesamtwerk des Autors, gegebenenfalls im Rahmen eines von ihm zusammengestellten Gedichtzyklus,

23. inhaltliche und formale Merkmale des Gedichtes, die sich auch in anderen Gedichten des Autors finden, also für ihn typisch sind,

24. die Zugehörigkeit zu einer traditionellen Gedichtart und die dadurch vorgegebene Form,

25. die sonstigen für den Autor maßgebenden Voraussetzungen (Einflüsse, Quellen, Muster) geistesgeschichtlicher, stoff- bzw. motivgeschichtlicher und formgeschichtlicher Art,

26. Sinn und Wirkungsmöglichkeiten des Gedichtes im zeitgenössischen Kontext, d. h. vor dem Hintergrund der zeitspezifischen Erfahrungen (z. B. Krieg, gesellschaftliche Verhältnisse) und Kenntnisse sowie der inhaltlichen (z. B. moralischen) und formalen Normen bzw. Konventionen (bewußte oder unabsichtliche Erfüllung, spielerische Verfremdung, ausdrückliche Ablehnung oder Nichtbeachtung der Konvention?),

27. die Wirkungsgeschichte des Gedichtes (das Gedicht als Quelle oder Muster, Rezensionen von der ersten Veröffentlichung an, unterschiedliche Interpretationen).

(Bernhard Asmuth: Aspekte der Lyrik. Mit einer Einführung in die Verslehre. 4., verb. Aufl. Opladen 1976. S. 148 - 151.)


 
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